mennoFORUM – Archiv

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FORUM 9
Sozialer Friede – was ist gerecht?
Was ist gerecht – in Europa?

Freitag, 24. Januar 2014, 18 Uhr ...

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Es diskutierten

  • Pastorin Martina Severin-Kaiser
    Geschäftsführerin der ACK Hamburg
  • Dr. Konrad Lammers
    Forschungsdirektor Europa-Kolleg Hamburg
  • Ekaterina Dimakis
    Leiterin des griechischen Generalkonsulats Hamburg

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns,Leiter der „Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen“, Universität Hamburg


Frieden in Europa und Gerechtigkeit im Kleinen Das mennoFORUM am 24. Januar

Zurzeit liegt in Europa einiges im Argen. Es fehlt eine gemeinsame Verfassung, die Wirtschaft stottert und der Euro-Raum ist erheblich unter Druck geraten. Die Probleme mit dem Euro sind entstanden, weil die vereinbarten Spielregeln nicht eingehalten wurden, so Dr. Konrad Lammers, Forschungsdirektor am Europa-Kolleg Hamburg.

Dr. Lammers erklärte, was ursprünglich die Grundlage des Euro bildete: Die unabhängige europäische Zentralbank sollte den Geldwert festigen und ein europäischer Stabilitätspakt die nationale Fiskalpolitik disziplinieren; Transferleistungen zwischen Staaten waren eigentlich ausgeschlossen. Allerdings hätten die Staaten in der Disziplinierung ihrer Haushalte versagt. In der Folge gab die Zentralbank ihre Unabhängigkeit auf und kaufte Staatsanleihen. Schließlich waren die reicheren Staaten Europas gezwungen, mit Transferleistungen die Schulden der angeschlagenen Staaten mit zu finanzieren.

In dieser Hinsicht sei es berechtigt, so Dr. Lammers, dass jetzt europäische Krisen-Staaten wie Griechenland ihre Haushalte unter Druck sanieren und notwendige Reformen im Eiltempo umsetzen. Das habe zwar für die Bevölkerung tragische Auswirkungen, entspreche aber eigentlich nur den ursprünglich vereinbarten Spielregeln. Eine andere Möglichkeit bestehe höchstens darin, Euro-Staaten den Austritt aus dem Euro zu ermöglichen – wenn diese selbst es wünschten.

Dem wollte Ekaterina Dimakis, die griechische Generalkonsulin Hamburgs, nicht widersprechen. Sie verwies aber auf die weitreichenden Anstrengungen, die in den letzten Jahren von Griechenland unternommen wurden. Das griechische Volk trage momentan enorme Lasten, habe allerdings auch schon viel erreicht. Frau Dimakis schilderte in eindrücklichen Worten die gemeinsame europäische Vision: Das geeinte Europa garantiert Wohlstand und Frieden. Eine friedliche Zukunft ist nur möglich, wenn die europäischen Völker ihren Weg gemeinsam gehen und füreinander einstehen. An dieser Stelle verwies Pastorin Martina Severin-Kaiser, Geschäftsführerin der ACK Hamburg, auf die Flüchtlingsproblematik. Die Länder in Europas Süden trügen die Hauptlast der Flüchtlingsströme, während der Norden seine Verantwortung abwälze. Hier seien auch die Kirchen gefordert. Die orthodoxe Kirche in Griechenland habe auf die Krise reagiert und beispielsweise kostenlose Mahlzeiten auf der Straße verteilt. Die Kirchen im Norden müssten mehr Solidarität mit den Kirchen im Süden zeigen. Mit der Charta Oecumenica habe man 2001 eine gemeinsame Grundlage erarbeitet, nun müssten dem Taten folgen, um die Gemeinschaft in der Konferenz Europäischer Kirchen voranzubringen.

Was einzelne Personen unabhängig von der großen Politik für Gerechtigkeit in Europa tun können, zeigte der Schweizer Pascal Känzig vom Verein „Lohnteilet“. Der Verein Lohnteilet ermutigt Menschen mit unterschiedlichem Einkommen, einen Teil ihres Lohns zu teilen. Die Lohnteilet-Partner, beispielsweise ein Deutscher und ein Tscheche, füllen jeweils 10% ihres Lohns in einen gemeinsamen Topf. Beide erhalten dann aus dem Topf 50% von der gemeinsam eingelegten Summe. Beide geben und beide nehmen. Auf diese Weise findet eine Umverteilung statt, ohne dass das Geld nur in eine Richtung fließt. Gleichzeitig entsteht eine solidarische Beziehung über Grenzen hinweg.

Europa braucht die Solidarität über Grenzen, genauso wie die gemeinsame Beachtung der Spielregeln. Der große Frieden muss durch Gerechtigkeit im Kleinen vorbereitet werden und Frieden im Kleinen ist nur möglich, wenn auch Gerechtigkeit im Großen herrscht. Wie große und kleine Kontexte miteinander zusammenhängen, wurde in unserer mennoFORUM-Reihe deutlich, die sich am ersten Abend auf Deutschland konzentrierte, am zweiten auf Hamburg und schließlich auf Europa. Berichte und Bilder zu den anderen Abenden finden sich unter www.mennoforum-hamburg.de.

(Joel Driedger)

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FORUM 8
Sozialer Friede – was ist gerecht?
Was ist gerecht – in Hamburg?

Freitag, 29. November 2013, 18 Uhr ...

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Es diskutierten

  • Katharina Fegebank (MdHB)
    sozialpolitische Sprecherin der GRÜNEN Fraktion
  • Dr. Nils Petersen
    Diakoniewissenschaftler, „Arbeitsstelle Kirche und Stadt“ an der Universität Hamburg
  • Constanze Funck
    Koordinatorin der Nordkirche für das Projekt „Lampedusa in Hamburg“

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns,Leiter der „Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen“, Universität Hamburg


Was ist gerecht – in Hamburg?

Die gerechte Stadt

Seit Jahrhunderten wird versucht, eine ideale Stadt zu bauen, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Hamburg möchte momentan in der HafenCity, alles richtig zu machen – das gelingt allerdings nur teilweise, so der Theologe Dr. Nils Petersen beim mennoFORUM am 29. November. Als Wissenschaftlicher Geschäftsführer der „Arbeitsstelle Kirche und Stadt“ (Universität Hamburg) kennt sich Dr. Petersen mit der Stadtentwicklung in Hamburg sehr gut aus. Für ihn gehört Barmherzigkeit zu einer gerechten Stadt dazu. Er berichtet von dem Sozialprojekt „Die Arche“ in Hamburg-Jenfeld, das Schulranzen und Mittagessen umsonst ausgibt. Die gratis Essensausgabe der „Arche“ ist für Petersen eine barmherziges Werk, das zwar in gewisser Weise ungerecht ist, aber doch zur Gerechtigkeit dazu gehört. Gerade Christen, die an die voraussetzungslose Gnade Gottes glauben, sollten Träger dieser Barmherzigkeit in der Gesellschaft sein und auf diese Weise zu einer gerechten Stadt beitragen.

Das gesellschaftliche Engagement der Kirchen wurde auch von der sozialpolitischen Sprecherin und Landesvorsitzenden der Hamburger Grünen, Katharina Fegebank (MdHB), begrüßt. Die Kirchen sind wichtig, so Frau Fegebank, um der Politik auf die Finger zu schauen und immer wieder die sozialen Missstände in Stadt und Gesellschaft anzuprangern. Gerade in Hamburg betone man allzu gerne die Glamour-Seite der Stadt und vernachlässige die Schattenseiten. Beispielsweise sei Hamburg die „Hauptstadt der Altersarmut“ mit der höchsten Rate an Rentnern, die Sozialleistungen beziehen. Eine gerechte Stadt protze nicht mit positiven Entwicklungen, sondern kümmere sich vor allem um hilfsbedürftige Menschen.

Alle Menschen, die in der Stadt leben, haben Bedürfnisse. Gerechtigkeit herrscht, so die Politologin und Journalistin Nicole Vrenegor, wenn die unterschiedlichen Bedürfnisse wahrgenommen und ausbalanciert werden, so dass alle Menschen zufrieden sind. Eine besondere Herausforderung stellt sich, wenn Menschen ihre Bedürfnisse nicht äußern (können). Frau Vrenegor wie auch Frau Fegebank haben beobachtet, dass gerade die Hamburger „Problemviertel“ wenig politisch engagiert sind und nur selten initiativ werden, um soziale Probleme zu bearbeiten. Wie diese leisen Menschen von Politik und Kirche unterstützt werden können, um ihre Belange zur Sprache zu bringen, wurde nicht abschließend geklärt. Dass die Kirche bereits aktiv ist, machte allerdings das Praxisbeispiel deutlich.

Constanze Funck ist die Koordinatorin der Nordkirche für das Projekt „Lampedusa in Hamburg“. Sie erzählte von der Situation der afrikanischen Flüchtlinge in der St. Pauli Kirche und anderswo in Hamburg. Hier hat die Nordkirche ganz konkret Partei ergriffen für Menschen, die in Deutschland nur wenige Rechte haben. Die Afrikaner sind vor dem Libyen-Krieg geflohen und suchen in Deutschland Arbeit und Brot. Die Kirche hat vielen Flüchtlingen eine Unterkunft verschafft und setzt sich für deren Bleiberecht und Arbeitsgenehmigung ein. Durch ihr politisches Engagement bekommt die Kirche selbst viel Aufmerksamkeit. Viele Menschen, die sich von der Kirche abgewandt hatten, helfen jetzt selbstverständlich mit. Die Hamburger spenden über alle Maßen, die ganze Stadt wurde aufgerüttelt. In diesem Projekt zeigt sich – zumindest im kleinen Rahmen – die gerechte Stadt.

Das mennoFORUM hat einmal mehr gezeigt, dass die Kirche ein geeigneter Ort ist, um sich mit gegenwärtigen politischen Entwicklungen auseinander zu setzen. Aus der Diskussion von und mit gesellschaftlichen Verantwortungsträgern entstehen gute Impulse. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig Kirche und Theologie für die Gesellschaft sind.

Weiter geht es am Freitag, 24. Januar 2014, ab18.30 Uhr.

(Joel Driedger)

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FORUM 7
Sozialer Friede – was ist gerecht?
Was ist gerecht – in Deutschland?

Freitag, 20. September 2013, 18 Uhr ...

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Es diskutierten

  • Thilo Braune, Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts
  • Prof. Dr. habil. Detlef Aufderheide, Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsethik, Hamburg School of Business Administration
  • Pastorin Martina Basso, Leiterin des Mennonitischen Friedenszentrums Berlin
  • Hauptpastor Christoph Störmer, St. Petri in Hamburg

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns,Leiter der „Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen“, Universität Hamburg


Was ist gerecht – in Deutschland?

Eine weitgespannte Frage. Daher entschloss sich das Menno-Forum, eine Themenreihe zu entwerfen, so dass an drei Abenden bedacht werden kann, was denn gerecht ist a) in Deutschland, b) in Hamburg, c) in Europa.

Warum ausgerechnet in Hamburg?. Nun, hier hat das Menno-Forum seinen Sitz. Hier ist der Standort der "Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen" an der Universität Hamburg, deren Leiter Prof. Dr. Fernando Enns ist. Ihm ist die Initiative zu verdanken, ein veritables Forum auf den Plan zu rufen. Will sagen: "Weg vom Katheder, über den Universitätsrahmen hinaus also vernehmbar werden."

Mit diesen Worten begrüßte denn auch Fernando Enns eine ansehnliche Zahl von Besuchern in der Mennonitenkirche Hamburg am 20.September. Wohl steht die "Theologie der Friedenskirchen" in der Mitte der Studien von Fernando Enns. Sogleich räumte e aber auch ein, dass Friedensarbeit und Gewaltfreiheit den Aspekt der Gerechtigkeit zwingend mit einzubeziehen hat. Sei doch Gerechtigkeit eine Grundbedingung des Friedens.

Damit tun sich eine Reihe von Fragen auf: Welche Art von Gerechtigkeit ist gemeint? Reicht es, wenn der Zusammenhalt in der Gesellschaft erreicht wird? Was überhaupt ist gerecht in der Gesellschaft? Was gilt: jedem das Gleiche oder - nach Römerart - jedem das Seine?

Wäre es einem Elefanten, Affen, Fisch, Vogel, Hund und Frosch zuzumuten, vor die gleiche Aufgabe gestellt zu sein, auf einen hohen Baum zu klettern? Mit dieser Frage riss der Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Aufderheide schon mal den Boden unter den Füßen weg, auf dem man meint, dann schon gerecht zu sein, wenn man jedem das Gleiche zumisst. Was aber ist dann gerecht? Und da fing dann das große Stochern an. Gut so! Nicht auszudenken, was wohl wäre, könnten wir per Verordnung das Einkommen und Vermögen der Bürger in unserem Lande exakt "gerecht" verteilen, allen also das Gleiche. Kommunistische Praktiken in dieser Richtung lehren uns da das große Grausen. Was dann aber? Stückwerk, haben wir Mut zum Stückwerk!

Paulus behalte Recht: Unser Wissen ist Stückwerk. So wurde denn also gewerkelt - und nicht schlecht. Wenn schon allen das Gleiche nicht zuteilbar ist, gibt es dann eine Ungleichheit, die gerechtfertigt sein kann? Gerechtfertigt deswegen, weil sie zum einen nicht grundlegend abwendbar ist, zum anderen aber in Ansätzen abgebaut werden kann. Wodurch? Nicht durch Verordnung von oben, sondern durch unmittelbare Begegnung "auf Augenhöhe", wie es der Hauptpastor von St. Petri in Hamburg Christoph Störmer formulierte. Man habe also einander zu begegnen, Obdachlosen das Gefühl der Mitmenschlichkeit zu vermitteln, das über das Teilen hinaus zu betreiben sei. Dazu gehört ihre Teilhabe an der Kultur, die Eröffnung von Perspektiven für ein selbstbestimmtes Dasein, also Chancen zu eröffnen und zur Unabhängigkeit zu verhelfen, kurz: Menschenwürde zu verleihen.

Dafür stehen Thilo Braune, Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts, und Martina Basso, Leiterin des Mennonitischen Friedenszentrums Berlin. Noch einmal Christoph Strömer: Ausgehend vom ""Brotbrechen" im Abendmahl, wo es ja doch um das Teilen, genauer: Verteilen gehe, kann das nicht angehen ohne Emotionen, ohne Empathie, ohne ein Mitgefühl dessen, was ich tue. In einem Atemzuge wäre hier Gerechtigkeit anzukoppeln an die Barmherzigkeit. Keine Information also ohne Emotion, kein Handel also ohne Fairness, ja: Auch wer fair handelt, kann erfolgreich sein, geleitet zu sein immer wieder vom "Hunger nach Gerechtigkeit", unterwegs zu bleiben. Leitmotiv sei auch hier jener Jesus, der nicht sagte: Ich bin ein Zustand, sondern: Ich bin der Weg; wer ihn begeht, erlebt Wahrheit und Leben.

Open end nach einer bewegenden Begegnung.

Weiter geht es am Freitag, 29. November 2013, ab18.30 Uhr.

(Oskar Wedel)

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FORUM 6
Wie wird Versöhnung möglich – die Kunst der Vergebung

Freitag, 25. Januar 2013, 18 Uhr ...

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Es diskutierten

  • Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel, Theologe und Mediator
  • Anke Sohns, Lebensberaterin, Tanztherapeutin, Coach
  • stud. theol. Johannes Kneifel, Autor des Buches „Vom Saulus zum Paulus“

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns, Professor für Theologie und Ethik in Amsterdam und Leiter der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen an der Universität Hamburg


Die Kunst der Vergebung

Das Mennoforum am 25. Januar thematisierte, wie Versöhnung in der Beziehung mit anderen und mit sich selbst geschehen kann. Dabei spielt Vergebung eine wichtige Rolle. Vergebung ist eine Voraussetzung für Versöhnung und zugleich eine große Herausforderung.

Allerdings ist das Schuldeingeständnis oder die Reue eines Täters nicht notwendige Voraussetzung zur Vergebung durch ein Opfer, wie Anke Sohns in der Mennoforum-Diskussion feststellte. Anke Sohns ist Coach und „Lebensbegleiterin“ (so nennt sie sich selbst). Berät sie ihre Klienten in Bezug auf vergangene Konfliktsituationen, stellt sie diese vor die Entscheidung: „Wollen Sie recht haben oder wollen Sie glücklich sein?“ Wer anderen vergeben kann – auch wenn der Konfliktpartner nicht um Vergebung gebeten hat – befreit sich selbst aus der Opferrolle und gewinnt eine neue Perspektive für das eigene Leben. Vergebung hat eine positive Wirkung für denjenigen, der vergibt, nicht nur für denjenigen, dem vergeben wird.

Vergebung kann auch erfahren werden, wenn der Bitte des Täters um Vergebung nicht entsprochen wird. Johannes Kneifel, Theologiestudent aus Berlin, erzählte ein einschneidendes Ereignis aus seiner Lebensgeschichte. Als Jugendlicher gehörte Kneifel der Neonazi-Szene an. Als 17jähriger prügelte er gemeinsam mit einem Freund einen unschuldigen Mann zu Tode. Im Gefängnis fand er schließlich Vergebung für seine Tat, die er von Anfang an bereut hatte, im christlichen Glauben. Kneifel schilderte, wie die Vergebung Gottes für ihn körperlich spürbar wurde. Dieses Erlebnis gab seinem Leben eine neue Richtung und er begann das Theologie-Studium, obwohl der Vergebungsbitte Kneifels von Seiten der Angehörigen des Opfers nicht entsprochen wurde. Die Gnadenzusage Gottes in Jesus Christus befreite ihn, seine Vergangenheit in einem anderen Licht zu sehen und seine Zukunft neu zu gestalten.

Isabell Mans erläuterte anhand eines Beispiels der Amischen, wie sie ihren Glauben als Aufforderung verstehen, Anderen zu vergeben. Diese christliche Gruppierung lehnt technischen Fortschritt ab und lebt seit 300 fast unverändert. Im Jahr 2006 geschah ein Schulmassaker in einer Dorfschule, die nur von Angehörigen der Amischen besucht wurde. Der Attentäter kam von außerhalb der Glaubensgemeinschaft, er tötete mehrere Mädchen mit Schüssen bevor er sich selbst tötete. Die Angehörigen der ermordeten Mädchen gingen noch am selben Tag zur Frau des Attentäters und sprachen ihr gegenüber die Vergebung für ihren Mann aus. Diese Vergebung geschah also unabhängig von der emotionalen Auseinandersetzung mit dem Geschehen, allein aufgrund einer Entscheidung für Vergebung, die vom christlichen Glauben hergeleitet wird.

Vergebung ist auch ohne emotionale Umwälzungen möglich. „Professionelle Empathie“, wie es im Fachjargon des Theologen, Sozialethikers und Mediatoren Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel heißt, ist erlernbar. In Konfliktsituationen vermitteln Mediatoren mithilfe professioneller Techniken, so dass die Konfliktparteien sich besser verstehen und ihre Konflikte lösen können. Nethöfel stellte klar, dass Glaube und Gotteserfahrung nicht die Voraussetzungen für Vergebung sind. Eine Gesellschaft ist ganz allgemein darauf angewiesen, dass ehemalige Täter neue Perspektiven finden und Konflikte bearbeitet werden. Damit Transformation nicht nur in Einzelfällen geschieht, sondern eine ganze Gesellschaft sich positiv weiterentwickeln kann, sind konkrete soziale Maßnahmen erforderlich, die auch für Akteure ohne christliche Glaubensüberzeugung beschrieben werden können.

„Ist Vergebung eine christliche Pflicht?“, fragte der Moderator Prof. Fernando Enns. Sie ist wohl keine Pflicht im Sinne einer gesetzlichen Notwendigkeit, sondern eher eine Handlungsmöglichkeit mit großem Potential, die vom christlichen Glauben eröffnet wird, um sich aus Täter- und Opferrollen zu befreien und Versöhnung – mit sich selbst und Anderen – zu ermöglichen.

(Joel Driedger)

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FORUM 5
Wie wird Versöhnung möglich – zwischen Gewalttätern, Opfern und der Gesellschaft?

Freitag, 2. November 2012, 18 Uhr ...

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Es diskutierten

  • Vanessa Leite, Juristin, Mitglied im Bundesvorstand von Weißer Ring e.V..
  • Prof. Dr. Otmar Hagemann, Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Kiel
  • Dr. Ines Woynar, Fachanwältin für Strafrecht
  • Probst Matthias Bohl, Evang.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns, Professor für Theologie und Ethik in Amsterdam und Leiter der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen an der Universität Hamburg


Ist Versöhnung zwischen Tätern und Opfern möglich?

Beim mennoFORUM am 2. November 2012 ging es vor über 100 Besuchern um die deutsche Rechtspraxis und alternative Gerechtigkeitskonzepte. Die Anwältin Dr. Ines Woynar machte zu Beginn auf die Missstände im Hamburger Justizsystem aufmerksam. Demnach wurden mühsam aufgebaute Resozialisierungsprogramme für Straftäter in den vergangenen Jahren wieder zurück gefahren. Immer wieder werden Menschen aus dem Gefängnis entlassen, die nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Täter, die ihre Strafe abgebüßt haben, werden in der Gesellschaft oftmals nicht akzeptiert.

Dies zeigte sich auch bei der Resozialisierung von Serienstraftätern in Hamburg-Jenfeld und Hamburg-Moorburg. Obwohl die Menschen teilweise 30 Jahre für ihre Tat im Gefängnis saßen und nur aufgrund mehrerer psychologischer Gutachten von diversen Entscheidungsinstanzen „frei“ gelassen wurden, stellen sich die Anwohner gegen deren Niederlassung. Ehemalige Straftäter werden ausgegrenzt, auch wenn ihre Taten Jahrzehnte zurückliegen.

Dies hat mit dem berechtigen Sicherheitsbedürfnis der Anwohner zu tun, so die Juristin Vanessa Leite, Mitglied im Bundesvorstand von Weißer Ring e.V.. Die Anwohner sind zwar keine Opfer im eigentlichen Sinn, aber sie haben dennoch Angst vor Gewalt. Gewalttaten greifen so tief in das Bewusstsein der Opfer ein, dass diese teilweise ihr ganzes Leben davon gezeichnet sind. Dass Menschen versuchen, sich zu schützen, ist deshalb durchaus verständlich.

Allerdings kann gerade eine Begegnung die Angst nehmen. Matthias Bohl, Probst im Kirchenbezirk Hamburg-Ost erzählt, wie sich in Hamburg-Jenfeld resozialisierte Straftäter und Anwohner beim Hunde-Ausführen begegnen. Die unbekümmerte Kontaktaufnahme der Tiere ermöglichte auch eine Annäherung zwischen den Menschen.

Weitaus planvoller werden diese Begegnungen von Otmar Hagemann verfolgt, Professor für Soziale Arbeit an der FH Kiel. Hagemann hat Täter-Opfer-Programme mitentwickelt und viel mit jugendlichen Straftätern gearbeitet. Die direkte Konfrontation kann auf beiden Seiten positive Entwicklungen anstoßen: Der Täter wird mit den unmittelbaren Folgen seiner Tat konfrontiert; das Opfer wird in seinen Verletzungen ernst genommen (was in Gerichtsverfahren oft nicht der Fall ist) und kann direkte Wiedergutmachung fordern. Sehr gute Erfahrungen hat Hagemann gemacht, wenn Freunde und Familie von Tätern und Opfern bei den Gesprächen mit am Tisch saßen. Das soziale Umfeld stärkt die Transformation des Täters und hilft dem Opfer bei der Verarbeitung der erfahrenen Gewalt. Dieses alternative Rechtskonzept einer „restaurativen“, d.h. wiederherstellenden Gerechtigkeit wurde in den USA u. a. von Mennoniten mit entwickelt. Über diesen Ansatz erschien in Deutschland das kleine Büchlein Fairsöhnt von Howard Zehr (Neufeld Verlag).

Bei einem neuen Projekt will Hagemann gar Menschen mit dazu nehmen, die am Verbrechen nicht beteiligt waren und auch keine sonstigen Beziehungen zu Täter oder Opfer haben. Hier kann im Prinzip jeder Mensch die Resozialisierung von ehemaligen Straftätern unterstützen. Offenbar existieren sogar schon Pilotprojekte, bei denen eine Kirchengemeinde zum Paten für einen entlassenen Häftling wird und diesen bei der Eingliederung in die Gesellschaft unterstützt.

Dass Täter-Opfer-Programme nicht nur im Jugendstrafrecht hilfreich sind, sondern auch bei Kapitalverbrechen, wird anhand eines Praxisbeispiels deutlich. Im November 1986 suchten die Brüder des von der RAF ermordeten Gerold von Braunmühl das Gespräch mit den Tätern. Sie hatten das Bedürfnis nach Information, sie wollten wissen, warum ihr Bruder getötet worden war. Diese Initiative zeigt, dass eine Begegnung mit dem Täter durchaus im Interesse der Opfer sein kann – auch wenn dadurch nur in den wenigsten Fällen tatsächlich Versöhnung stattfindet.

(Joel Driedger)

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FORUM 4
Vergeben und Vergessen? Wie wird Versöhnung möglich – nach systematischer, staatlicher Gewalt?

Samstag, 15. September 2012, 18 Uhr
im Rahmen der „Nacht der Kirchen“ ...

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Es diskutierten

  • Dr. Marianne Subklew, stellv. Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (Potsdam)
  • Esther Malethabo Pheiffer, Vereinigte Ev. Mission (Nordhorn)
  • Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, Leitender Direktor des Institut für Theologie und Frieden (Hamburg)

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns, Professor für Theologie und Ethik in Amsterdam und Leiter der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen an der Universität Hamburg


Wie wird Versöhnung möglich?

Diese Frage eröffnet eine neue Reihe des menno-FORUMs, dessen erster Abend im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen stattfand (15. September 2012). Es soll bei der neuen Reihe „Versöhnung“ unter verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Diesmal stand mit dem Titel „Vergeben und Vergessen? Wie wird Versöhnung möglich – nach systematischer, staatlicher Gewalt?“ also die Frage im Mittelpunkt, welche Versöhnungsmöglichkeiten es für Gesellschaften gibt, in denen großes Unrecht geschehen ist. Prof. Dr. Fernando Enns eröffnete das Forum mit dem Hinweis auf den aktuellen Konflikt in Syrien und der Frage, wie eine Gesellschaft, die total zerschlagen ist, wieder aufgebaut bzw. aufgerichtet werden kann. „Ohne Versöhnung ist keine Zukunft möglich“, sagte schon Nelson Mandela über das geschundene Südafrika.

Beispiel DDR

Die Anwesenden wurden emotional in die Thematik hineingenommen durch einen Dokumentarfilm, der den Verrat und die Spitzelei in der ehemaligen DDR thematisierte und eine Frau zeigte, die Größe bewies, indem sie ihre Mittäterschaft und Unterstützung des Stasi-Machtapparats als fatalen Irrtum erkannte und eingestand. Das Besondere an diesem Film war, dass die Menschen hinter diesem Apparat und die psychologischen Muster sichtbargemacht wurden, die dem jeweiligen Handeln zugrunde liegen.

Dr. Marianne Subklew, die stellvertretende Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (Potsdam) brachte diesen Film mit. Statt von Wut oder Unverständnis sprach Subklew von einer „Tragik“ und von einer „Traurigkeit“, die sie überkommt, dass Menschen in diesem System funktionalisiert wurden: Da ist zum einen die „Inoffizielle Mitarbeiterin“, die Mittäterin, die aufgrund ihrer Suche nach Geborgenheit und Zugehörigkeit als Waise zur Verräterin und Schuldigen ihrer eigenen Freunde und Mitstreiter in der Oppositionsbewegung wird und da sind auf der anderen Seite die vielen Menschen, deren Existenzen „verpfuscht“ wurden durch dieses reaktionäre Handeln der Handlanger dieses Regimes. Wie will man hier also Versöhnung stiften? Kann man eine kollektive Versöhnung ermöglichen? Ist nicht vielmehr nur eine Versöhnung zwischen Individuen möglich? Diese Frage blieb bis zuletzt stehen und es gilt darüber nachzudenken.

Gemeinsame Rituale als kollektive Versöhnungszeichen?

In dem Zusammenhang wurde auch darüber diskutiert, inwiefern kollektive Rituale oder Symbole helfen. Esther Malethabo Pheiffer von der Vereinigten Mission (Nordhorn), die aus Südafrika stammt, kennt nicht nur den Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen und das Apartheidregime und die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), sondern sie veranstaltet auch Workshops in Ruanda. Dort konnte sie die Art und Weise der Auseinandersetzung mit dem Genozid zwischen Hutus und Tutsis, der vor 18 Jahren geschah, miterleben. In Ruanda beispielsweise gibt es einen Gemeinschaftstag des Arbeitens, der nun mit neuem Inhalt gefüllt wurde und jetzt – man könnte sagen – als ein Tag der Versöhnung gemeinsam unter Absehung der Unterschiede miteinander gefeiert werden kann. Als mögliches christliches Ritual wies Enns drauf hin, dass das Abendmahl als starkes Versöhnungszeichen bewusster wahrgenommen werden könne.

Versöhnung und Erzählen (Narration)

Versöhnung hat mit der Be- und Verarbeitung von Vergangenheit zu tun, damit Zukunft überhaupt möglich ist. Daher spricht nicht nur Subklew, sondern auch Pheiffer davon, dass das Aussprechen der Wahrheit essentiell ist. Die Erzählung (die Narration/ das Narrative) ist das, was wichtig ist. Dies hat die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika Ernst genommen, die Enquete-Kommission "Zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" hat dies weniger berücksichtigt. Das Erzählen macht frei und befreit – den Täter, aber auch das Opfer, weil der Verstorbene oder der Ahne zur Ruhe kommen, u.U. begraben und „mit der Sache“ abgeschlossen werden kann. Kritikpunkte gibt es allerdings auch an einer Kommission wie der Wahrheitskommission: Die Aufdeckung der Taten hat funktioniert, aber die Wiedergutmachung fand weniger Berücksichtigung.

Das Recht, die Strafe und die Wiedergutmachung

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, Leitender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden (Hamburg), erklärte in diesem Zusammenhang die Rolle des Rechtsstaates, in dem Rechte gewährt und gesichert werden. Im Rechtsstaat sind Rechte sichtbar, einklagbar und benennbar. Das gibt Schutz. Es wirke aber nur eingeschränkt, da die Rechtsprechung im Sinne der Schuldigsprechung eines Täters auch nicht gleichzusetzen sei mit einem (freiwilligen) Schuldeingeständnis des Täters. Das wiederum ist aber unabdingbar für Versöhnung. Das geltende Recht könne also bestimmte Funktionen erfüllen, aber es ist auch beschränkt und dürfe nicht „überstrapaziert“ werden. Eine Frage, die sich Justenhoven zufolge auch noch stellt, ist die Frage danach, was das Strafen im Kern sei und wozu es diene? Diene es der Prävention? Der Sühne? Kann damit wieder etwas gut gemacht werden?

Eine Südafrikanerin in Ruanda

Im dritten Teil des Abends berichtet Esther Malethabo Pheiffer über ihre Beobachtungen in Ruanda. Junge Menschen besuchen in Ruanda Gedenkstätten und Bestattungsorte. Der Genozid wird dort thematisiert, auch wenn der Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Es wird versucht, weniger das Trennende der beiden Volksgruppen Hutu und Tutsi hervorzuheben als das Verbindende. Heute würden die Menschen auf die Frage, wer sie seien, antworten: „Ich bin Ruandesi“.

Fragen über Fragen

Die Fragen, Bemerkungen und Gedanken aus dem Publikum waren am Schluss mannigfaltig. Es kam auch die Sprache auf die Rolle der Deutschen im II. Weltkrieg. Fragen wie: Ist Versöhnung auch ohne Wiedergutmachung möglich? Was ist mit der früher beschworenen Formel der „Kollektivschuld“? tauchten auf. Fernando Enns schloss mit Worten des jüdischen Intellektuellen Elie Wiesel, dass es keine Kollektivschuld gebe, wohl aber eine kollektive Verantwortung, die Sorge trägt für die Zukunft. In diesem Sinne ist die von Gott geschenkte Versöhnung auch eine Verantwortung: Gabe und Berufung zugleich! Auf das nächste spannende und aufschlussreiche mennoFORUM können wir uns schon freuen mit dem Thema „Wie wird Versöhnung möglich – zwischen Gewalttätern, Opfern und der Gesellschaft?“ am 2. November 2012. (Isabell Mans)

Die lange Nacht der Kirchen
eröffnete bei uns der Pauluschor und brachte uns so schon in eine besinnlich konzentrierte Stimmung. Nach den anregenden Gedanken und Informationen im mennoFORUM blieben etliche noch und gingen mit Kerzen in der Hand zur Abendabschlussandacht in die Pauluskirche. Wir sind dankbar für diese Zusammenarbeit. Danken möchte ich auch allen, die diesen wertvollen Abend organisiert und ermöglicht haben. (Bernhard Thiessen)

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FORUM 3
Afghanistan und kein Ende?

Freitag, 20. Januar 2012, 18 Uhr …

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Es diskutierten

  • Dr. med. Karl-Heinz Biesold, Oberstarzt, Leitender Arzt der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie Psychotraumatologie am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
  • Pastor Victor Greve, Militärgeistlicher, Dänische Gemeinde Bredstedt und Friedrichstadt
  • Prof. Dr. Fernando Enns, Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen an der Universität Hamburg

Moderation:
Pastorin Corinna Schmidt Mennonitengemeinde zu Hamburg und Altona

Praxisbericht:
Br. Christian Hauter Christusträger Bruderschaft


Das dritte MennoFORUM schloss die Themenreihe "Gerechten Frieden bilden" mit einer Podiumsdiskussion über die Frage "Afghanistan und kein Ende?" ab. An diesem Abend ging es nur zweitrangig darum, den Einsatz der Bundeswehr politisch zu bewerten. Vor allem standen die einzelnen Menschen im Fokus, die von der Gewalt unmittelbar betroffen sind: Soldaten aus Deutschland, die afghanische Bevölkerung, zivile Helfer. Was macht der Krieg mit den Seelen der Menschen? Dazu konnten wir einen ausgewiesenen Experten für posttraumatische Belastungsstörungen begrüßen, Dr. med. Karl-Heinz Biesold vom Bundeswehrkrankenhaus Hamburg.

In seinem Impulsvortrag zu Beginn erläuterte er, dass von den über 100 000 deutschen Soldaten, die in den letzten Jahren in Auslandseinsätzen waren, zumindest 2000 ernsthafte psychische Folgen davontragen, so dass sie therapeutisch behandelt werden müssen. Die Bundeswehr sei dabei noch weitaus gesünder als z.B. die Armee der USA, wo man befürchten müsse, dass bis zu 30 % der Soldaten schwer traumatisiert aus ihren Einsätzen zurückkehren. Auf Nachfrage von Moderatorin Corinna Schmidt erklärte Biesold dann auch, dass es in einem Krieg keine Gewinner gebe, sondern selbst die Soldaten zu Opfern werden.

Was die Kirche für die leidenden Soldaten tun könne, wurde Prof. Dr. Fernando Enns von der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen/ Universität Hamburg gefragt. Er sprach sich vehement gegen die bestehende Form der Militärseelsorge aus. Diese sehe nur eine Seite des Konfliktes und beziehe zwangsläufig für eine Partei Position, werde so selbst zur Partei. Die Kirche müsse den Soldaten selbstverständlich helfen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Gleichzeitig sehe sie aber immer auch in den Feinden die Menschen und wolle die Konflikte deshalb gewaltfrei überwinden. Insofern darf sie sich niemals einbinden lassen in bestehende militärische Strukturen.

Hier konnte Bruder Christian von der Christusträger-Bruderschaft anknüpfen, der anstelle des kurzfristig verhinderten Militärseelsorgers Victor Greve auf dem Podium saß. Bruder Christian erzählte von der Arbeit seiner Bruderschaft, die schon seit 40 Jahren in Afghanistan ein Krankenhaus und Werkstätten betreiben. Er konnte tiefe Einblicke in das alltägliche Leben der Afghanen geben, weil die Brüder sich - im Gegensatz zu den deutschen Soldaten - auf das langjährig aufgebaute Vertrauen der Bevölkerung verlassen können. Sie bieten nicht nur medizinische Hilfe und Berufsausbildungen an, sondern schaffen einen Raum, in dem die unterschiedlichen (und teilweise verfeindeten) Ethnien in Afghanistan zusammen an einem Tisch sitzen. Dieser Raum war für Dr. Biesold, der das Krankenhaus der Brüder früher besucht hatte, der einzige Ort in Afghanistan, wo er seine Schutzweste ablegen und sich sicher fühlten konnte.

Das intensive Podiumsgespräch wurde durch Beiträge und Fragen aus dem Publikum weiter vertieft und setzte sich dann in vielen kleinen Gesprächsgruppen bei Wein und Häppchen fort. Die Gäste erlebten einen sowohl intellektuell als auch kulinarisch anregenden Abend, die Gastfreundschaft der Gemeinde wird von vielen als sehr wohltuend gewürdigt. Und die Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen und der Mennonitengemeinde bewährt sich hier ganz vortrefflich.

Das nächste MennoFORUM findet voraussichtlich am 15. September 2012 ("Nacht der Kirchen") statt.

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FORUM 2
Von der Schulbank in den Krieg?
Bundeswehr an der Schule

Freitag, 2. Dezember 2011, 18 Uhr …

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Es diskutieren

  • Hauptmann Dipl.-Pol. Henri Schmidt, Jugendoffiziere Hamburg
  • Prof. Dr. Angelika Dörfler-Dierken, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg (Universität der Bundeswehr)
  • Dipl.-Pädagoge Christian Welniak, Arbeitsbereich Didaktik der Sozialwissenschaften, Universität Hamburg

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns (Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen)

Praxisbericht:
Pastorin Martina Basso Mennonitisches Friedenszentrum Berlin


Trotz der beginnenden Adventszeit war das zweite mennoFORUM wieder gut besucht, längst nicht nur von Gemeindegliedern. Es zeigt sich, dass es ein weites Interesse gibt, über gesellschaftspolitisch aktuelle Fragen aus der Sicht der Friedensethik nachzudenken. Das Thema "Von der Schulbank in den Krieg - Bundeswehr an der Schule?" bietet genügend Zündstoff. Verstärkt wirbt die Bundeswehr nun in den Schulen - alles nur im Rahmen ihrer politischen Bildung, wie Hauptmann Schmidt von den Jugendoffizieren in Hamburg betonte. Die Tatsache, dass ein uniformierter Soldat dort - wie hier auch - auftritt, deutet allerdings bereits an, dass dies nicht wertneutral geschieht, sondern im Rahmen der von der Politik vorgegebenen "Sicherheitsinteressen" Deutschlands. Prof. Dr. Angelika Dörfler-Dierken riet zunächst zu genauerem Hinsehen, bevor man sich ein Urteil bilde.

Die Bundeswehr gehöre nun einmal zu unserer Gesellschaft. Dagegen kritisierte aber Dipl.-Pädagoge Christian Welniak von der Universität Hamburg vor allem, dass es bei diesen Veranstaltungen der Bundeswehr in der Schule nicht um eine Erziehung hin zum eigenen Urteilen gehe und insofern auch nicht eine Stärkung der demokratischen Kultur erfolge. Dr. Jakob Fehr vom Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee, der in Rheinland-Pfalz die Position der Mennoniten auch in einem neu gegründeten Netzwerk vertritt, suchte vor allem deutlich zu machen, dass entsprechend auch eine Friedenserziehung im Sinne der Gewaltfreiheit vertreten werden müsste. - Ein solches Beispiel bot Pastorin Martina Basso vom Mennonitischen Friedenszentrum Berlin: Schülergruppen besuchten die von der Mennonitengemeinde organisierte Ausstellung mit Skulpturen aus Simbabwe (die vorher in der Mennonitengemeinde Hamburg zu sehen waren). Hier wurden sie mit der schwierigen politischen Lage in einem Land vertraut gemacht, in dem die Sicherheitslage äußerst prekär ist. Die Zivilbevölkerung dort setzt bisher nicht auf Gewalt!

Vor allem die Gespräche vor und nach der Podiumsdiskussion lassen erkennen: beim mennoFORUM geht es nicht darum, vorgefertigte Meinungen schlicht zu bestätigen. Die gastfreundschaftliche Atmosphäre lädt dazu ein, im gegenseitigen Respekt aufeinander zu hören und voneinander zu lernen. Das nächste mennoFORUM findet am 20. Januar 2012 statt, bitte melden Sie sich wieder zahlreich an, damit der Austausch lebendig ist und bleibt.

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FORUM 1
Der "Arabische Frühling" und unsere Verantwortung zur Friedensbildung

Freitag, 21. Oktober 2011, 18 Uhr …

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Es diskutieren

  • Dr. Margret Johannsen, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg
  • Prof. Dr. Gerhard Beestermöller, Institut für Theologie und Frieden, Hamburg
  • Pastorin Antje Heider-Rottwillm, Vorsitzende von Church & Peace

Moderation:
Prof. Dr. Fernando Enns (Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen)

Praxisbericht:
Christian Peacemaker Teams (CPT)


Am 21. Oktober öffnete unsere Mennonitenkirche zum ersten Mal die Türen für das mennoFORUM. Unsere Gemeinde organisierte gemeinsam mit der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen das mennoFORUM, eine politisch-theologische Diskussionsrunde in geselliger Atmosphäre. Das Thema des Abends war "Der ‚Arabische Frühling' und unsere Verantwortung zur Friedensbildung". Der Abend begann um 18 Uhr mit zahlreichen Gästen und einer leckeren Kürbissuppe. Es waren nicht nur Mitglieder der Hamburger Mennonitengemeinde da, sondern auch Mennoniten von auswärts, Christen aus anderen Gemeinschaften und Studierende von der Universität, insgesamt fast 80 Personen.

Gegen 19 Uhr begann der thematische Teil des Abends im Gottesdienstsaal. Nach der Begrüßung durch Pastorin Corinna Schmidt übernahm Prof. Dr. Fernando Enns die Moderation des Abends. Er führte zunächst Dr. Margret Johannsen vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg ein. Sie hielt ein Kurzreferat über die politische Lage in den arabischen Staaten und schilderte die spannende Entwicklung der nord-afrikanischen Revolutionsbewegungen.

Danach begann die Podiumsdiskussion. Neben Dr. Johannsen als politischer Expertin saßen Prof. Dr. Gerhard Beestermöller vom Institut für Theologie und Frieden, Hamburg, und Pastorin Antje Heider-Rottwillm, die Vorsitzende von Church and Peace auf der Bühne. Alle waren sich recht schnell darin einig, dass der NATO-Einsatz in Libyen nicht begründet war. Während Frau Heider-Rottwillm diese Meinung aufgrund ihrer christlich-pazifistischen überzeugungen vertrat, argumentiere Frau Johannsen aus politischen Gründen gegen den Einsatz. Herr Beestermöller wiederum begründete seine Ablehnung mit völkerrechtlichen Argumenten.

An diesem Punkt stellte Fernando Enns ein Beispiel aus der Praxis vor. Christopher Hatton von den Christian Peacemaker Teams (CPT) war gekommen und präsentierte in einem Kurzfilm die Arbeit seiner Organisation. Im Norden von Irak unterstützt CPT eine Gruppe von Friedensstiftern. Diese Menschen stellten sich mit Blumen zwischen Demonstranten und Armee und entschärften auf diese Weise die aufgeheizte Situation.

Danach durften sich auch die Gäste im Saal an der Diskussion beteiligen. Das offene Gespräch endete pünktlich um 21 Uhr mit den Schlussvoten der drei Podiumsgäste. Nach dem offiziellen Abschluss mit einem Abendsegen von Corinna Schmidt wurde das Gespräch im kleinen Kreis fortgesetzt. Bei Wein und Brot blieben die Gäste teilweise bis nach 22 Uhr beieinander.

Der Dank für diesen gelungenen Abend geht vor allem an Fernando Enns, der die Menschen auf dem Podium zusammen brachte und durch seine Moderation den Abend unterhaltsam gestaltete, an Annelie Kümpers-Greve, die die Idee hatte und für das leibliche Wohl sorgte, an Sonja Bartel, Sigrid Wiebe, Bernhard Thiessen, Corinna Schmidt und Peter Rost, die dafür sorgten, dass alles funktionierte, und schließlich auch an Thomas Schamp, der den Abend als Film festhielt.

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